Liebe Line Hoven, Du wolltest meinen Einführungstext zu unserem Workshop- hier ist er!
Der französische Dramatiker Jean Anouilh sagte, dass erst Fiktion dem Leben Form gäbe. Die Kunst des Erzählens, meint Linda Seger, ist zur Hauptinspirationsquelle der Menschheit geworden. Eine Geschichte ist keine Flucht aus der Realität, sondern eine Versenkung hinein. In einer Geschichte läge das Bemühen, Sinn in die Anarchie des Daseins zu bekommen. Sie abstrahiere um Wesentliches zu entdecken, ohne eine Abstraktion zu sein.
Andererseits, spricht man schon seit über 100 Jahren vom Verfall dramatischen Erzählens. Die Verschiebung und Auflösung gesellschaftlicher Werte, rüttelt auch an den Grundfesten der dramatischen Struktur. Helden, die die Welt verändern können, scheinen heute fragwürdiger denn je.
Vor dem Hintergrund einer aus den Fugen geratenen Welt, wendet sich auch die Kunst des Erzählens, dessen Ursprünge über 2000 Jahre zurück liegen, verstärkt dem Sozialen und Politischen zu, in dokumentarischer, investigativer oder wirklichkeitsverändernder Absicht. Die breite Verwendung von Bildern, von Fotografie und Film, die intermediale Verbindung unterschiedlicher künstlerischer Verfahren und nicht zuletzt ein entgrenzter Begriff der sozialen und politischen Dimension von Erzählung und Kunst, charakterisieren eine ästhetische Produktion, deren Status häufig prekär ist, die aber zeitgemäß anmutet, weil sie global rezipierbar wird.
Unter dem Deckmantel eines nicht näher bezeichneten Wirklichkeitsbegriffs, wird das Dokumentarische als das Echte, Authentische, Ungefilterte wie unbehandeltes Rohmaterial benützt, als wäre die Einbindung in ein Medium, einen Film, ein Foto, oder ein Comic, nicht immer schon Eingriff und Auswahl, - und damit auch Interpretation.
Diese Interpretation die immer, zwangsläufig geschieht, bleibt aber häufig, mit dem Argument authentisch zu sein, unreflektiert. Sie verwischt vor dem eindrucksvollen Auffahren so bezeichneter Fakten und scheinbar unabrückbarer Realitäten.
Die Erzählkunst abstrahiert um Wesentliches zu entdecken, ohne eine Abstraktion zu sein, sagt Linda Seger. Aber was heißt das?
Die Bündelung einer Geschichte in 3 Akte, in einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, Exposition, Konflikt und Lösung ist ganz offensichtlich eine künstliche Setzung. Sie ist der formale Grundstein von Dramatik.
Aber auch das epische Erzählen mit seiner offenen Form ermöglicht es dem Leser, Zuschauer oder Betrachter klar zu erkennen, dass es sich um Fiktion handelt- so authentisch das Werk auch gemacht zu sein scheint.
Ich möchte im Folgenden auf die Ursprünge des Erzählens eingehen- und damit auf die wichtigsten Merkmale dramatischen und epischen Erzählens.
Es ist mir dabei wichtig, für Mechanismen zu sensibilisieren, die die Entwicklung einer Arbeit erleichtern und- im Hinblick auf den bewussten und transparent gewordenen Einsatz von Mitteln – bereichern kann.
Es kann nicht darum gehen, Schemata aufzuzeigen, die Allgemeingültigkeit besitzen. Um etwas gut zu erzählen, gibt es kein allgemeingültiges Rezept.
Trotzdem glaube ich, dass es wichtig und sinnvoll ist, sich verschiedener Erzählweisen bewusst zu werden, bevor man die Arbeit an einer Erzählung
beginnt- einfach um das, was man zu erzählen hat, bestmöglich rüber zu bringen.
Susann Reck
Neueste Kommentare